Fontane in Hannover


Nach der Rückkehr aus der Sommerfrische im Seebad Norderney und nach dem Besuch der Knyphausens auf Schloss Lütetsburg in der Absicht, in deren Hausarchiv Material für seinen Band "Fünf Schlösser" der "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" zu recherchieren, entscheidet sich Fontane, die Fahrt nach Berlin in Hannover zu unterbrechen und schildert am 26. Juli 1880 in einem Brief an seine Frau Emilie, geschrieben in Kastens Hotel in der Luisenstraße, seine Eindrücke von der "Welfen-Hauptstadt".

Kastens Hotel Luisenhof, Hotelfassade 1856 (Wikipedia) Heute 5* Luxushotel am gleichen Standort
Kastens Hotel Luisenhof, Hotelfassade 1856 (Wikipedia) Heute 5* Luxushotel am gleichen Standort

"Hannover macht einen vornehmen Eindruck, aber doch sonderbar; in mancher Beziehung wie München: groß, weit, leer, forcirte Gothik (die mir doch nicht recht scheinen will) überhaupt etwas 'rauf Gepufftes, wie jemand der sich über seine Kräfte anstrengt und dem die Puste ausgeht."

 

Es folgt die amüsante Schilderung seiner unangenehmen olfaktorischen Erfahrungen aufgrund des nicht entleerten Nachttopfes des vorherigen Hotelgastes.

 

"Die Nacht verbrachte ich anfangs sehr trübselig. Es herrschte in meinem Zimmer ein penetrant ammoniakalischer Geruch, von dem ich nicht einschlafen konnte und wenn ich schlief, gleich wieder aufwachte. Endlich entdeckt ichs; es war vergessen worden 'auszugießen', dem Bodensatze nach zu schließen, wohl seit 3 Tagen schon. Que faire? Ich schritt zu einem Verdünnungsprozess. Aber es wurde nur schlimmer: 'do'nt touch it' ist die Devise solcher Beau-reste. So mußt' ich denn auf irgend eine Weise das ausführen, was das Dienstmädchen vergessen hatte, und geräuschlos Fenster und Jalousieen öffnend und den Vorbeimarsch einer Patrouille abwartend, schoß ich alles in goldenem Bogen (der Mond schien) bis mitten auf den Damm. Nachspülen; denn ich traute dem Frieden nicht und noch weniger dem Bodensatz, und nun wusch ich mich und legte mich beruhigt nieder. Das war meine 'entrée joyeuse' in die Welfen-Hauptstadt, von der ich mir 'als Christ, als König und als Welf' einen reinlichen poetischen Eindruck versprochen hatte".

 

Emilie und Theodor Fontane, Der Ehebriefwechsel 1873-1898; GBA Bd 3

 

vollständiger Brief an Emilie      mehr....

 

Kontakt

Anna Grüßing 

 Tel.: 0511 614620

Mobil: 0172 4008408

E-Mail: gruessing@me.com

Heidrun Münter 

E-Mail: h.muenter@t-online.de

Gefördert durch die VGH-Stiftung